Aktuelles aus dem Stadtarchiv
Infoabend zum Joseph-Haberer-Preis für Lehrkräfte und Interessierte
Am 19. März 2026 um 17:30 Uhr findet im Stadtarchiv Villingen-Schwenningen ein Infoabend zum Joseph-Haberer-Preis statt. Nach einer kurzen Führung durch das Archiv stellen wir Recherchemöglichkeiten, geeignete Themenfelder und unsere Unterstützungsangebote vor – ideal, um im Anschluss direkt teilzunehmen. Wir freuen uns über Ihre Anmeldung unter 07721/82-1810 oder per E‑Mail an stadtarchiv@villingen-schwenningen.de.
Medizin im Ausnahmezustand - Die Tagebücher des Militärarztes Dr. Würth von Würthenau
„Ich kann nicht verstehen, dass eine Sanitätsformation in einem solchen Schmutz und Dreck leben konnte […]“, schreibt Dr. Karl August Würth von Würthenau in einem Brief an seine Frau bei seiner Ankunft im Lazarett bei Verdun. Das „Archivale des Monats“ Januar öffnet seine sechs Tagebuchbände: präzise geführte Aufzeichnungen, ergänzt durch Fotos, Zeichnungen und Karten. Band 4 führt mitten hinein in die Realität des Stellungskrieges bei Verdun.
Karl August Würth von Würthenau, 1871 geboren und 1956 auf eigenen Wunsch auf dem Villinger Friedhof beigesetzt, besuchte in Villingen die höhere Bürgerschule; sein Vater war hier Bezirksarzt. Nach dem Studium an der „medicinisch-chirurgischen Academie“ wurde er 1896 approbiert und als Assistenzarzt im 7. Badischen Infanterie-Regiment Nr. 142 eingesetzt. Der militärärztliche Blick prägt später seine Tagebucheinträge.
Das „Archivale des Monats“ legt den Schwerpunkt auf Band 4 seiner Aufzeichnungen, den er nachträglich seiner Frau widmete. Er umfasst die Zeit von Mitte Februar bis Anfang Oktober 1916 – mit Stationen in Russland, fast drei Monaten Stellungskrieg bei Verdun und einem anschließenden Einsatz in Ungarn. Vom 21. April bis 16. Juli 1916 war von Würthenau im Breuil-Wald bei Verdun stationiert, als Leitender Arzt seiner Sanitätskompanie. Im Vorwort nennt er diese Monate „die Zeit […] die für mich mit den meisten offensichtlichen täglichen und nächtlichen Gefahren für das Dasein verknüpft war, die am stärksten an meiner Gesundheit, besonders an den Nerven u. dem Gehör gerüttelt hat und die am längsten mit den Tiefen sellischen Eindrücken in mir nachzittert [sic].“
Seine Tagebucheinträge machen die schwierige Rettung der Verwundeten sichtbar: Krankenträger bewegen sich unter Artilleriefeuer, unbefestigte Wege lassen Pferde im Schlamm bis zum Bauch versinken, Krankenwägen brechen, Transporte kommen zum Erliegen. Ein Krankenwagenfahrer wird durch Granatsplitter schwer verletzt; immer wieder schlagen Granaten direkt im Lazarett ein, treffen Personal und Verwundete. Wenn das Feuer zu dicht ist, harren die Trupps in Unterständen aus. Am 10. Juli 1916 hält Würth von Würthenau fest: „Zunehmend schweres Artilleriefeuer. […] Schwere Beschießung des Pariser-Grabens. Ein Volltreffer zertrümmert einen Unterstand. Die Krankträger Tamm und Schultze Adolf sowie die der Sanitätskompanie zugeteilten Desinfektoren Gefreiter Luftigkeit und Kriegsfreiwilliger Otto wurden getötet.“ Selbst Trinkwasser wird zur Überlebensfrage: Brunnen können nicht gegraben werden; Wasser wird oberflächlich entnommen, vom allgegenwärtigen Schlamm filtriert und anschließend sterilisiert – Improvisation als tägliche Praxis.
Die Tagebücher schildern nicht nur Ereignisse und Schrecken des Krieges aus unmittelbarer Perspektive, sie fangen auch den Zeitgeist unverfälscht ein.Sie zeigen Verdun aus dem Blickwinkel eines Arztes, welcher medizinische Versorgung unter extremen Bedingungen zu gewährleisten hatte. Die Lektüre öffnet eine Tür in den Kriegsalltag, wie er selten überliefert ist, und verknüpft Weltgeschichte mit einer Villinger Biografie.
Gewürze, Geschichten und Genuss: Essenzenfabrik Adolf Preiser
Es duftet wieder weihnachtlich in Häusern und Gassen. In der Bahnhofstraße in Villingen roch es über ein Jahrhundert lang ganzjährig nach Gewürzen und Früchten. Das „Archivale des Monats“ Dezember führt anhand historischer Werbeschilder in die Welt der Villinger Essenzen- und Spirituosenfabrik Adolf Preiser – dort, wo aus Zitronen, Zimt und Vanille die Grundlage für Limonaden und Liköre entstand.
Das Stadtarchiv Villingen-Schwenningen bewahrt nicht nur wichtige Unterlagen der Stadtverwaltung. Um Stadtgeschichte und Zeitgeist lebendig zu dokumentieren, sammelt es auch Quellen anderer Herkunft – darunter den Firmennachlass der Essenzen- und Spirituosenfabrik Adolf Preiser. Historische Werbeschilder, Markenanmeldungen und Rezepturdokumente erzählen von Innovationsgeist und internationalen Rohstoffwegen.
In den kupfernen Kesseln von Preiser wurde ausschließlich mit natürlichen Rohstoffen gearbeitet. Essenzen entstanden durch Mazeration und Destillation – mit Zutaten, die erntefrisch aus aller Welt eintrafen: Zitronen per Zug aus Messina, Lavendel aus Frankreich, Vanille aus Madagaskar, Ceylon-Zimt aus Sri Lanka. Im sogenannten Drogenlager warteten die aromatischen Schätze in Holzfässern auf ihren Einsatz.
Die Firmengeschichte beginnt 1906 mit Fruchtsäften und Mostessenzen. Zwei Weltkriege prägen die Entwicklung: Firmengründer Adolf Preiser wird im Ersten Weltkrieg eingezogen und stirbt kurz darauf; 1939 muss auch sein Sohn Hermann in den Militärdienst. Ein alliierter Bombenangriff auf den Villinger Bahnhof zerstört das Firmengebäude in der Bahnhofstraße fast vollständig.
Dennoch gelingt nach 1945 der Neustart: Mit Limonaden und Spirituosen, gesichert durch zahlreiche Markenregistrierungen, gewinnt Preiser wieder Profil. Der "Mühlengeist", ein außergewöhnlicher Flambierlikör, kreiert für die Mühlenklause in Kappel, ist in aller Munde und findet sogar in Norddeutschland Anklang. 1959 wird „Mexi-Cola“ eingetragen und avanciert ebenfalls zum regionalen Hit. „Winelli“ ist seiner Zeit voraus und macht alkoholfreie Wein-Limonade salonfähig, während „Romäus Selekta“ als prickelnde Alternative in der Sektflöte die feierlichen Momente ohne Promille versüßt.
Ob mit oder ohne Alkohol – das Team des Stadtarchivs Villingen-Schwenningen wünscht allen Leserinnen und Lesern des „Archivale des Monats“ einen genussvollen Jahresausklang und einen guten Start ins neue Jahr. Freuen Sie sich 2026 erneut auf zwölf spannende Einblicke in unsere Stadtgeschichte.
Cheers, Cin Cin und Prost!
Die stille Bedrohung im Archiv: Tintenfraß
Der Einsturz des Kölner Stadtarchivs, der Brand in der Herzogin Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar – solche Katastrophen bleiben im Gedächtnis. Die viel größeren Bedrohungen für schriftliches Kulturgut lauern jedoch heimlich, still und leise in Bibliotheken und Archiven. Schimmel, Säureschaden und Tintenfraß heißen die Übeltäter, die sich da in aller Ruhe am Papier zu schaffen machen. Auch die Bestände des Stadtarchivs in Villingen-Schwenningen bleiben leider nicht verschont. Deshalb widmet sich das Archivale des Monats diesmal dem Phänomen des Tintenfraßes.
Schon seit dem 3. Jahrhundert v. Christus bekannt und bis ins 19. Jahrhundert gern verwendet: die Eisengallustinte. Hergestellt aus Wasser, Gummi arabicum, Eisenvitriol und der Gallsäure aus Galläpfeln, zieht die Eisengallustinte wasserfest und dokumentenecht in das Papier ein. Ihre schwarze Farbe erhält sie, indem das in ihr enthaltende Eisen oxidiert. Problematisch wird es dann, wenn die Zusammensetzung nicht ganz ausgewogen ist. Wurde zu viel Eisenvitriol verwendet, dann kann die Säure aus den Galläpfeln das Eisensulfat nicht vollständig binden und das Unheil nimmt schleichend seinen Lauf. Über die Zeit reagiert das überschüssige Eisensulfat mit Sauerstoff und Luftfeuchtigkeit. Dabei entstehen Säuren, welche dann die im Papier enthaltene Cellulose angreifen und schlimmstenfalls komplett zersetzen.
Zunächst verfärbt sich der Bereich um die Schrift bräunlich, was die Lesbarkeit des Textes einschränkt und erschwert. Gut zu erkennen ist dies an der Überschrift „Rechnung“ der Geld- und Fruchtrechnung des Schaffners Mattheiß Vadin des Heilig-Geist-Spitals aus dem Jahre 1612. Der Begriff Schaffner bezeichnet im veralteten Gebrauch den Verwalter eines Gutes, Schlosses oder Klosters. Am Buchstaben R erkennt man, wie der Tintenfraß weiter voranschreitet. Durch den verstärkten Abbau der Cellulose bilden sich Risse und Ausbrüche. Ein besonders betroffenes Archivale im städtischen Bestand ist die Jahresrechnung des Heilig-Geist-Spitals von 1710. Große Teile des Wortes Rechnung und des Initiales J sind zersetzt und herausgebrochen. Die gesamte Seite ist hierdurch instabil und fragil und kann nur noch extrem vorsichtig und mit Vlies unterstützt bewegt, also z. B. umgeblättert, werden.


Bereits entstandene Schäden durch Tintenfraß sind irreversibel. Das Fortschreiten des Fraßes kann jedoch gebremst und bestenfalls verhindert werden. Hierzu gibt es verschiedene Verfahren, welche jedoch zeit- und kostenintensiv sind und je nachdem auch starke Eingriffe in das Schriftgut bedeuten. Vorbeugen bzw. minimieren kann man Schäden, indem die Luftfeuchtigkeit im Archiv konstant niedrig gehalten wird und so wertvolles Kulturgut erhalten wird.
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