Aktuelles aus dem Stadtarchiv
Infoabend zum Joseph-Haberer-Preis für Lehrkräfte und Interessierte
Am 19. März 2026 um 17:30 Uhr findet im Stadtarchiv Villingen-Schwenningen ein Infoabend zum Joseph-Haberer-Preis statt. Nach einer kurzen Führung durch das Archiv stellen wir Recherchemöglichkeiten, geeignete Themenfelder und unsere Unterstützungsangebote vor – ideal, um im Anschluss direkt teilzunehmen. Wir freuen uns über Ihre Anmeldung unter 07721/82-1810 oder per E‑Mail an stadtarchiv@villingen-schwenningen.de.
Archivale des Monats März: Wie historische Gemarkungsatlanten die Entwicklung von Rietheim und Marbach dokumentieren
Vom Atlas zu Online-Portalen: Bevor Flurkarten ins Smartphone passten, lagen sie als schwere, gebundene Bände auf dem Tisch: die Gemarkungsatlanten. Wir zeigen anhand von zwei dieser beeindruckenden Werke aus Rietheim und Marbach, wie Raum, Grenzen und Besitz sichtbar und verwaltbar gemacht wurden. Dabei dokumentieren die Atlanten auch eindrücklich, wie sich die Orte über die Jahrhunderte entwickelt haben.
Schon im Mittelalter halfen einfache Flurkarten, Steuern nach Flächengrößen zu bemessen. Einen technologischen Sprung brachten das späte 18. und frühe 19. Jahrhundert: Verbesserte Vermessungstechniken ermöglichten erstmals exakte Aufnahmen. Das Großherzogtum Baden nutzte diesen Fortschritt konsequent und schrieb mit dem Vermessungsgesetz vom 26. März 1852 eine systematische Katastererfassung für das ganze Land vor. Auch der Titel des Rietheimer Atlasses im Stadtarchiv verweist ausdrücklich auf dieses Gesetz.
In den Gemarkungsatlanten wurden die Ergebnisse festgehalten. Der Atlas für Rietheim, der über viele Jahrzehnte in Gebrauch war, dokumentiert die Gemarkung in einer farbig kodierten Übersichtskarte: Äcker, Wiesen, Wälder, Straßen, Wege und jedes einzelne Gebäude sind verzeichnet. Detailpläne und eine ausführliche Legende ergänzen das Werk, das erst 1962 durch das neue Liegenschaftskataster ersetzt und damit „außer Dienst gestellt“ wurde.
„Diese Atlanten sind weit mehr als nur alte Karten“, erklärt Markus Teubert, Leiter des Stadtarchivs. „Sie sind Zeitkapseln. Wenn wir den Atlas von Rietheim neben den jüngeren von Marbach aus dem Jahr 1963 legen, sehen wir den Fortschritt quasi auf dem Papier: In der Zeichenerklärung erscheinen nun auch Wasser- und Stromleitungen; bei den Verkehrswegen werden neben Straßen unter anderem Straßenbahntrassen und Seilbahnen verzeichnet. Neue Gebäudetypen wie die Kläranlage in Marbach erzählen vom Wandel der Gesellschaft und ihrer Bedürfnisse.“
Der Blick in die Atlanten von Rietheim und Marbach macht sichtbar, wie Vermessung und Verwaltung den Raum über Jahrhunderte lang strukturiert haben. Heute wird mit GPS, Laserscans und Drohnen gemessen; die Karten liegen digital vor und sind teilweise als Open Data frei zugänglich. Die historischen Vorläufer im Stadtarchiv zeigen eindrucksvoll den Weg dorthin – eine aufgeschlagene Geschichte, die unsere digitale Gegenwart erklärt.
Den Bogen in die digitale Gegenwart schlägt das Geoportal der Stadt Villingen-Schwenningen, wo Interessierte eine Vielzahl an Karten und Geodaten finden. Darunter sind auch historische Themen wie der Geschichts- und Naturlehrpfad oder die historischen Gräber auf dem Alten Friedhof Schwenningen aufbereitet.
Vor hundert Jahren erster Spatenstich – Wie Schwenningen sein Rathaus neu erfand
Die Industrialisierung lässt Schwenningen in den 1920er-Jahren rasant wachsen, und die Stadtverwaltung wächst mit. Überall in Deutschland übernehmen Städte neue Aufgaben, Rathäuser werden zu Adressen des Bürgersinns. Das 1851 errichtete Schwenninger Rathaus stammt noch aus der Zeit vor der Stadterhebung und platzt aus allen Nähten.
1926 kommt Bewegung in die Sache. Den Zuschlag erhält Hans Herkommer, ein an der „Stuttgarter Schule“ ausgebildeter und national beachteter Architekt, bekannt für klare Formen in Kirchen- und Industriebauten. Sein Konzept: ein Bau, der sich in das bestehende Stadtgefüge einfügt – und zugleich als „Ordnungspunkt“ sichtbar Akzente setzt.
Politisch ist das Projekt umstritten: Die Mittel nach dem Ersten Weltkrieg sind knapp, doch der Gemeinderat bekennt sich mit 14 zu 9 Stimmen zum Neubau. Gebaut wird in zwei Abschnitten, damit der Verwaltungsbetrieb nahtlos weiterläuft und das Erdgeschoss des alten Rathauses in den Neubau integriert werden kann. Zuerst entstehen West-, Nord- und Ostflügel; 1927 wird der erste Bauabschnitt eröffnet. Beim Umbau des Altbaus tritt seine statische Schwäche zutage: Statt massiver Erdgeschossmauern kommt Fachwerk mit Ziegelausfachung zum Vorschein – der Altbau muss bis auf die Kellerwände weichen.

Die Marktplatzfassade im Jahre 1927. Das Mosaik 'Krieg und Frieden' von August Babberger wurde erst kurz danach angebracht. Auch die Skulptur 'Der junge Neckar" von Wilhelm Fehrle mit dazugehörigem Brunnen wurden erst einige Zeit später aufgestellt. Die Skulptur wurde im Krieg zerstört, der Brunnen eingeschmolzen.
Am 30. Juni 1928 weiht Bürgermeister Dr. Lang von Langen das neue Rathaus ein. Die trapezförmige Vierflügelanlage hat zwei Hauptfassaden: Zur Kirche ausgerichtet liegen Haupteingang, große Fassadenuhr und zwei Erker mit Wolkenband, hinter denen sich das Bürgermeisterzimmer verbirgt. Zum Marktplatz hin greifen sieben Arkaden die Gestaltung der ehemaligen Sparkassenseite auf, darüber das große Ratssaalfenster. Das neue Rathaus vereint Verwaltung, Öffentlichkeit und Repräsentation unter einem Dach: Sparkasse, Standesamt, Bürgermeisterzimmer und ein großer Sitzungssaal finden hier Platz.
Wie so oft beim Bauen: Die Rechnung liegt höher als erwartet. Rund 220.000 Reichsmark mehr als geplant werden fällig. Geblieben ist ein Rathaus, das Funktion und Repräsentation verbindet und bis heute ein städtebauliches Statement setzt.
Medizin im Ausnahmezustand - Die Tagebücher des Militärarztes Dr. Würth von Würthenau
„Ich kann nicht verstehen, dass eine Sanitätsformation in einem solchen Schmutz und Dreck leben konnte […]“, schreibt Dr. Karl August Würth von Würthenau in einem Brief an seine Frau bei seiner Ankunft im Lazarett bei Verdun. Das „Archivale des Monats“ Januar öffnet seine sechs Tagebuchbände: präzise geführte Aufzeichnungen, ergänzt durch Fotos, Zeichnungen und Karten. Band 4 führt mitten hinein in die Realität des Stellungskrieges bei Verdun.
Karl August Würth von Würthenau, 1871 geboren und 1956 auf eigenen Wunsch auf dem Villinger Friedhof beigesetzt, besuchte in Villingen die höhere Bürgerschule; sein Vater war hier Bezirksarzt. Nach dem Studium an der „medicinisch-chirurgischen Academie“ wurde er 1896 approbiert und als Assistenzarzt im 7. Badischen Infanterie-Regiment Nr. 142 eingesetzt. Der militärärztliche Blick prägt später seine Tagebucheinträge.
Das „Archivale des Monats“ legt den Schwerpunkt auf Band 4 seiner Aufzeichnungen, den er nachträglich seiner Frau widmete. Er umfasst die Zeit von Mitte Februar bis Anfang Oktober 1916 – mit Stationen in Russland, fast drei Monaten Stellungskrieg bei Verdun und einem anschließenden Einsatz in Ungarn. Vom 21. April bis 16. Juli 1916 war von Würthenau im Breuil-Wald bei Verdun stationiert, als Leitender Arzt seiner Sanitätskompanie. Im Vorwort nennt er diese Monate „die Zeit […] die für mich mit den meisten offensichtlichen täglichen und nächtlichen Gefahren für das Dasein verknüpft war, die am stärksten an meiner Gesundheit, besonders an den Nerven u. dem Gehör gerüttelt hat und die am längsten mit den Tiefen sellischen Eindrücken in mir nachzittert [sic].“
Seine Tagebucheinträge machen die schwierige Rettung der Verwundeten sichtbar: Krankenträger bewegen sich unter Artilleriefeuer, unbefestigte Wege lassen Pferde im Schlamm bis zum Bauch versinken, Krankenwägen brechen, Transporte kommen zum Erliegen. Ein Krankenwagenfahrer wird durch Granatsplitter schwer verletzt; immer wieder schlagen Granaten direkt im Lazarett ein, treffen Personal und Verwundete. Wenn das Feuer zu dicht ist, harren die Trupps in Unterständen aus. Am 10. Juli 1916 hält Würth von Würthenau fest: „Zunehmend schweres Artilleriefeuer. […] Schwere Beschießung des Pariser-Grabens. Ein Volltreffer zertrümmert einen Unterstand. Die Krankträger Tamm und Schultze Adolf sowie die der Sanitätskompanie zugeteilten Desinfektoren Gefreiter Luftigkeit und Kriegsfreiwilliger Otto wurden getötet.“ Selbst Trinkwasser wird zur Überlebensfrage: Brunnen können nicht gegraben werden; Wasser wird oberflächlich entnommen, vom allgegenwärtigen Schlamm filtriert und anschließend sterilisiert – Improvisation als tägliche Praxis.
Die Tagebücher schildern nicht nur Ereignisse und Schrecken des Krieges aus unmittelbarer Perspektive, sie fangen auch den Zeitgeist unverfälscht ein.Sie zeigen Verdun aus dem Blickwinkel eines Arztes, welcher medizinische Versorgung unter extremen Bedingungen zu gewährleisten hatte. Die Lektüre öffnet eine Tür in den Kriegsalltag, wie er selten überliefert ist, und verknüpft Weltgeschichte mit einer Villinger Biografie.
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