Aktuelles aus dem Stadtarchiv

Ein großer, bröckelnder Betonbrocken zwischen Dokumenten und Büchern im Stadtarchiv? Das Archivale des Monats Mai ist ein ungewöhnliches, aber umso eindrücklicheres Stück Stadtgeschichte: ein Fundamentfragment einer Baracke des ehemaligen Kriegsgefangenen-Mannschaftsstammlagers (kurz Stalag) V B in Villingen. In den frischen Beton ritzten die Häftlinge, die ihre Unterkünfte selbst errichten mussten, das Baujahr ein: 1943. 

Anfang 1940 entschied die Wehrmacht, in Villingen ein Stammlager für Kriegsgefangene des Wehrkreises V zu errichten. Es diente als zentrale Erfassungsstelle für Kriegsgefangene mit Mannschaftsdienstgrad, die von hier aus auf Arbeitskommandos in Landwirtschaft, Industrie und Handwerk verteilt wurden. Der größte Teil der Gefangenen hielt sich nur kurz im Stammlager auf; untergebracht waren sie überwiegend in den Kommandos selbst. Was als provisorische Einrichtung auf sumpfigem Grund begann, wuchs bis Kriegsende zu einer sieben Hektar großen „Kleinstadt in der Stadt“ an. Neben Baracken, Waschräumen und Küchen verfügte es über eine eigene Feuerwehr, eine Poststelle, eine Sanitätstruppe sowie über mehrere Werkstätten. Zeitweise waren hier 2.000 bis 4.000 Menschen gleichzeitig interniert. Insgesamt durchliefen zwischen 1940 und 1945 rund 30.000 Gefangene aus der Sowjetunion, Polen, Jugoslawien, Frankreich, Belgien, Großbritannien, den USA und Italien das Lager.

Die Lebensbedingungen im Stalag V B waren von starken Gegensätzen geprägt. Berichte französischer Gefangener schildern die Unterbringung als trostlos, aber zweckmäßig. Ihnen waren Briefkontakt nach außen, Kurse, eine Bibliothek und sogar ein Orchester und eine Theatergruppe gestattet. Zwischen den Baracken legten sie Blumen- und Gemüsebeete an. Sogar eine eigene Lagerzeitung mit dem Namen "Le Captif de la forêt noire" wurde herausgegeben. Ein anderes Bild zeigt sich bei der Behandlung der Gefangenen aus den Ostgebieten. Als 1941 zusätzliche Unterkünfte für sowjetische Kriegsgefangene geplant wurden, beschwerte sich der damalige Bürgermeister über die Unterbringung „hunderter bolschewistischer Bestien“ in der Nähe deutscher Familien. Russische Kriegsgefangene wurden zu härtesten Arbeiten herangezogen, während ihre Verpflegungsrationen unzureichend blieben. Eine Untersuchung von 1943 offenbarte die fatalen Folgen: Hungerödeme, Fettschwund und sogar vereinzelt Todesfälle.

Kurz vor Kriegsende wurden vor allem sowjetische Gefangene in Kolonnen in Richtung Schweiz abgeführt, bevor französische Truppen das Lager am 21. April 1945 befreiten. Danach diente es kurzzeitig zur Internierung deutscher Kriegsgefangener und wurde später Teil des französischen Kasernengeländes Mangin. Nach dem Abzug der letzten französischen Truppen 2015 und vor der Erschließung des neuen Stadtquartiers „Oberer Brühl“ fanden archäologische Rettungsgrabungen statt. Da von den Baracken oberirdisch nichts mehr erhalten war, waren die historischen Lagerpläne aus dem Stadtarchiv für die Archäologen von großem Nutzen. Durch die Überlagerung mit aktuellen Katasterplänen und den Einsatz von Bodenradar konnten die ehemaligen Bauten präzise lokalisiert werden. So wurden nicht nur die Fundamente von vier Baracken freigelegt – darunter jenes, von dem unser Archivale stammt –, sondern auch die 1943 erbauten „Sitzbunker“. Diese boten mit nur 60 cm Höhe Schutz für etwa 1.200 Menschen, die dort bei Luftangriffen hockend ausharren mussten.

Das Fundamentstück im Stadtarchiv ist somit weit mehr als nur ein Betonbrocken. Es macht die komplexe Geschichte des Lagers greifbar und bewahrt die Erinnerung an das Schicksal tausender Menschen. Auf dem Gelände des Lagers entsteht nun das neue Stadtquartier „Oberer Brühl“, auf dem auch das Stadtarchiv ein neues Zuhause finden wird. Direkt davor wird ein Lern- und Gedenkort zum Stalag V B geschaffen, der es Nachfahren, Schulklassen und Forschenden ermöglichen wird, die Geschichte am authentischen Ort zu erfahren.

Seid in „dieser statt Villingen“ willkommen!

Mit diesen Worten begrüßte einst der Proklamator das Publikum zum ersten Spieltag der Villinger Passion. Das Publikum erwartete ein gewaltiges Schauspiel: Zwei Spieltage, rund 150 Darsteller und fast 7.400 Verse zur Leidensgeschichte Christi: Das Archivale des Monats April erinnert an fast zwei Jahrhunderte Passionsspieltradition in Villingen.

1585 gründete sich in Villingen eine Passionsbruderschaft, deren Mitglieder gelobten, ein Passionsspiel aufzuführen. Was wir über die frühen Villinger Spiele wissen, verdanken wir einer nahezu vollständig erhaltenen Handschrift, die dank des Wasserzeichens der Memminger Papiermühle frühestens auf 1599 zu datieren ist. Da die Bruderschaft bereits bestand, ist anzunehmen, dass bereits vorher Textfassungen existierten, die durch den Gebrauch unleserlich geworden waren. Die sorgfältige Ausführung der Handschrift deutet auf eine Reinschrift hin. Links und rechts ließ der Schreiber aber schon breite Korrekturränder, die später reichlich genutzt wurden und den Wandel des Textes über die Zeit dokumentieren.

Im Unterschied zu vielen zeitgenössischen Passionen konzentriert sich die Villinger Fassung ganz auf das Kerngeschehen der Passion. Vorangestellte Lebensstationen Jesu und volkstümliche oder humoristische Einlagen fehlen. Das Stück gilt für das 16. Jahrhundert als mittellang – gespielt wurde dennoch an zwei Tagen. Sprachlich ist der Text alemannisch geprägt, mit Villinger Mundartnuancen. Das Lokalkolorit zeigt sich auch in Figurennamen aus der Bürgerschaft.  Anhand der "Villinger Namenskarte" des Stadtarchivs ließen sich einige der Namen eindeutig zuordnen. Die Besetzung ist dicht: Statt stummer Massen gibt es zahlreiche Nebenrollen – insgesamt wurden knapp 150 Darstellende benötigt.

Gespielt wurde überwiegend im Garten des Franziskanerklosters, teils auch in der Kirche auf einer Simultanbühne mit gleichzeitig sichtbaren Spielorten, auf der alle Schauspieler permanent anwesend waren und für ihre Szenen in den Vordergrund traten.

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts entstand eine grundlegende Neufassung (eine Handschrift ist im Stadtarchiv überliefert). Nun trugen 78 Spielende die Passion an einem Tag vor. Die barocke Bühnentradition prägte die Darstellung: Vorhänge öffneten und schlossen die Spielorte. Aus derselben Zeit haben sich mannshohe Figuren von Johann Sebastian Schilling (1750) erhalten, die lange als Kulissenteile galten; inzwischen ist belegt, dass es sich um Altarverkleidungen handelt, die in der Karwoche im Villinger Münster um den Frühmessealtar standen.

Im Laufe des 18. Jahrhunderts neigte sich die Zeit der Passionsspiele jedoch dem Ende zu. Kriege, nachlassende Unterstützung und Berichte Geistlicher über ungehöriges Verhalten im Publikum während der Aufführungen schwächten die Tradition. Die vorderösterreichische Verwaltung besiegelte schließlich ihr Schicksal: 1770 wurden Passionstragödien per Regierungsbeschluss gänzlich verboten.

Archivale des Monats März: Wie historische Gemarkungsatlanten die Entwicklung von Rietheim und Marbach dokumentieren

Vom Atlas zu Online-Portalen: Bevor Flurkarten ins Smartphone passten, lagen sie als schwere, gebundene Bände auf dem Tisch: die Gemarkungsatlanten. Wir zeigen anhand von zwei dieser beeindruckenden Werke aus Rietheim und Marbach, wie Raum, Grenzen und Besitz sichtbar und verwaltbar gemacht wurden. Dabei dokumentieren die Atlanten auch eindrücklich, wie sich die Orte über die Jahrhunderte entwickelt haben.

 

Schon im Mittelalter halfen einfache Flurkarten, Steuern nach Flächengrößen zu bemessen. Einen technologischen Sprung brachten das späte 18. und frühe 19. Jahrhundert: Verbesserte Vermessungstechniken ermöglichten erstmals exakte Aufnahmen. Das Großherzogtum Baden nutzte diesen Fortschritt konsequent und schrieb mit dem Vermessungsgesetz vom 26. März 1852 eine systematische Katastererfassung für das ganze Land vor. Auch der Titel des Rietheimer Atlasses im Stadtarchiv verweist ausdrücklich auf dieses Gesetz.

In den Gemarkungsatlanten wurden die Ergebnisse festgehalten. Der Atlas für Rietheim, der über viele Jahrzehnte in Gebrauch war, dokumentiert die Gemarkung in einer farbig kodierten Übersichtskarte: Äcker, Wiesen, Wälder, Straßen, Wege und jedes einzelne Gebäude sind verzeichnet. Detailpläne und eine ausführliche Legende ergänzen das Werk, das erst 1962 durch das neue Liegenschaftskataster ersetzt und damit „außer Dienst gestellt“ wurde.

„Diese Atlanten sind weit mehr als nur alte Karten“, erklärt Markus Teubert, Leiter des Stadtarchivs. „Sie sind Zeitkapseln. Wenn wir den Atlas von Rietheim neben den jüngeren von Marbach aus dem Jahr 1963 legen, sehen wir den Fortschritt quasi auf dem Papier: In der Zeichenerklärung erscheinen nun auch Wasser- und Stromleitungen; bei den Verkehrswegen werden neben Straßen unter anderem Straßenbahntrassen und Seilbahnen verzeichnet. Neue Gebäudetypen wie die Kläranlage in Marbach erzählen vom Wandel der Gesellschaft und ihrer Bedürfnisse.“

Der Blick in die Atlanten von Rietheim und Marbach macht sichtbar, wie Vermessung und Verwaltung den Raum über Jahrhunderte lang strukturiert haben. Heute wird mit GPS, Laserscans und Drohnen gemessen; die Karten liegen digital vor und sind teilweise als Open Data frei zugänglich. Die historischen Vorläufer im Stadtarchiv zeigen eindrucksvoll den Weg dorthin – eine aufgeschlagene Geschichte, die unsere digitale Gegenwart erklärt.

Den Bogen in die digitale Gegenwart schlägt das Geoportal der Stadt Villingen-Schwenningen, wo Interessierte eine Vielzahl an Karten und Geodaten finden. Darunter sind auch historische Themen wie der Geschichts- und Naturlehrpfad oder die historischen Gräber auf dem Alten Friedhof Schwenningen aufbereitet.

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