Wer beim dicksten Buch im Stadtarchiv an eine Schmuckausgabe der Bibel oder einen alten, schön illustrierten Band denkt, irrt. Das dickste Buch im Bestand war ursprünglich gar kein Buch und es ist das Produkt von Verwaltungsakten. Es handelt sich um den „Inventuren und Teilungen“ Band von 1851 aus Schwenningen. Was es damit auf sich hat, erklärt das Archivale des Monats September.
Vom 17. Jahrhundert an bis 1899 waren Inventuren und Teilungen in Württemberg Pflicht. Dabei wurden die Vermögensverhältnisse einer Person anlässlich ihrer Heirat (Inventur) und nach ihrem Tode (Teilung) durch das zuständige Waisengericht der Gemeinde festgehalten. Ziel war es, Erbschaftsstreitigkeiten zu vermeiden. Nach vorgegebenem Schema wurden penibel alle Vermögensgegenstände der jeweiligen Person in verschiedenen Rubriken wie z.B. Liegenschaften und Bargeld, aber auch Bettgewand, Kleidung und Geschirr aufgelistet. Auch der Erhaltungszustand wurde dokumentiert. So kamen bei manchen Bürgern durchaus seitenlange Listen zusammen. Diese wurden am Ende unterschrieben: Mancher Bürger hinterließ als Analphabet nur drei Kreuze, andere besiegelten die Aufzeichnung mit einem Familiensiegel.
Zunächst entstanden so unterschiedliche Einzeldokumente. Um alles dauerhaft beisammenzuhalten, wurden die Fälle später, meist als Jahresbände, chronologisch in einem Buch zusammengebunden. Das erklärt auch, warum im Inneren verschiedene Papiersorten verwendet wurden. Die Seiten wurden sodann nummeriert und mit einem Namensregister für die Recherche versehen.
Für den Band von 1851 wurden ein marmorierter Buntpapiereinband sowie ein Buchrücken aus Leder verwendet. Außerdem sorgten Schnüre dafür, dass der Band zusammenhielt – denn der Buchrücken ist sage und schreibe etwa 17 Zentimeter dick.
Die Unterlagen wurden über viele Jahre häufig benutzt. Daher ist der Band heute stark abgegriffen und weist deutliche Gebrauchsspuren auf. Von den ursprünglichen Schnüren ist nur noch ein kurzes Stück erhalten.
Der Band ist nicht nur das dickste Buch im Stadtarchiv, sondern vor allem ein historisches Zeugnis der Besitzverhältnisse und Lebensumstände der Schwenninger Bevölkerung. Ein dickes Buch – und ein bemerkenswerter Einblick in die Vergangenheit.


