Stolpersteine erzählen Geschichten und Schicksale

Künstler Gunter Demnig velegt mit Werkzeug vier Stoplersteine in der Rietstraße 40, um hin herum stehen dutzende Zuschauer.
Der Künstler Gunter Demnig aus Köln verlegte am 20. Oktober die ersten Stolpersteine in VS.

"Nun 'stolpern' wir auch in Villingen-Schwenningen auf unserem Weg zur Arbeit oder beim Einkaufen oder auf dem Weg zu Freunden über Orte und individuelle Lebensgeschichten von Bürgerinnen und Bürgern unserer Stadt", machte Bürgermeister Detlev Bührer deutlich. "Man 'stolpert' vor allem auch über eine Erinnerung an eine konkrete Person oder Familie, die an dem Ort, an dem ich mich gerade befinde, gelebt hat. Dadurch wird der alltägliche zu einem authentischen Ort."

Die ersten 18 Stolpersteine gedenken vier Villinger Familien. Familie Schwab mit Heinrich Henri Schwab lebte mit seinen Geschwistern Martha und Sally sowie seiner Nichte Lotte in der Rietstraße 40. Die drei Geschwister wurden 1940 zunächst nach Gurs und später nach Riga deportiert, wo alle ums Leben kamen. Lotte, die Tochter von Sally, kam über Gurs in ein Kinderheim, bevor sie zu Verwandten nach Amerika kam, sie überlebte.  

In der Gerberstraße 33 lebte Familie Schwarz drei Generationen lang, zuletzt Bertha, Irma, Hugo Heinrich und Julie. Hier befand sich damals auch ein Betsaal für die jüdische Gemeinde. Die Familie betrieb einen Viehhandel, war aktiv beim FC 08 und an der Fasnacht. In der Pogromnacht 1938 werden das Haus und der Betsaal zerstört. Nachdem Bertha, Irma, Hugo Heinrich und Julie nach Gurs deportiert werden, verstirbt die schwer kranke Bertha dort. Die anderen werden in ihrem zweiten Lager in Auschwitz ermordet.

Der Familie Bikart mit Louis, Jeanette, Ruth, Sigmund und Silva Irene wird in der Waldstraße 11 gedacht. Der Vater Louis betrieb einen Viehhandel und war engagiert in der Stadtgesellschaft. Er war im Turnverein, FC 08, beim Männerchor und an der Fasnacht als Narro unterwegs. 1937 verlässt die Familie Villingen, lebt in Frankreich. Die Mutter Jeanette und die Töchter werden im November 1942 in Auschwitz umgebracht. Louis wird im Krieg ermordet. Sohn Sigmund überlebte Auschwitz als einziger. Beim städtischen Empfang der Angehörigen am 21. Oktober berichtete der Enkel von Louis, Pierre Bikart aus Straßburg, von seinem Vater Sigmund. Sein Vater habe zu Lebzeiten kaum über die tragischen Erlebnisse sprechen können, so schmerzlich seien die Erinnerungen. "Als er am 8.5.1945 von den Amerikanern befreit worden war, wog er 33 kg und es dauerte vier Jahre, bis er wieder zu Kräften kam", wusste Pierre Bikart zu erzählen. "Ich danke den Menschen, die sich der Pflicht des Gedenkens verschrieben haben. (…) Heute, acht Jahrzehnte später, sind wir, die im Nachkommenden, stolz auf die Spuren, die diese Familie in dieser Stadt gelassen hat."

Fünf Steine erinnern in der Oberen Straße 11 an Familie Boss mit Joseph, Bertha, Adolf, Edith und Erwin. Dort führte Josef ein Kleidungsgeschäft, bevor die Familie nach Stuttgart zog. Der Vater verstarb dort bereits 1938. Die Mutter Bertha wird mit zwei ihrer Kinder, Edith und Erwin, nach Riga gebracht. Dort wird sie erschossen, Erwin wird 1942 für tot erklärt. Edith kehrt 1945 nach Villingen zurück, nachdem sie insgesamt vier Konzentrationslager überlebte. Das Heimatrecht wird ihr verwehrt, sie zieht weiter, geht irgendwann nach Garmisch-Partenkirchen und verstirbt dort 1974. Adolf Boss wird 1938 verhaftet, in Lagerhaft genommen und erschossen.

Ausführliche Biographien und Bilder hat der Verein Pro Stolpersteine aufbereitet: https://pro-stolpersteine-vs.de/biographien/

Als Demnig am Mittwochmittag seine Steine in der Innenstadt verlegte, waren rund 100 Menschen gekommen, darunter auch Angehörige der Opfer, um dabei zu sein. Am Donnerstag fand dann für die Familien ein Empfang durch Bürgermeister Detlev Bührer im Alten Rathaus statt. "Wir möchten, dass Sie sich in Vertretung Ihrer Angehörigen in Villingen-Schwenningen wiederaufgenommen fühlen", sagt er zu Beginn seiner Ansprache. Zahlreich vertreten war auch der Verein 'Pro Stolpersteine VS' rund um Professor Friedrich Engelke, der sich seit vielen Jahren für das Projekt einsetze und mit regelmäßigen Mahnwachen an die jüdischen Opfer erinnerte. "Wenn man sich vorstellt, dass die erste von insgesamt drei Abstimmungen des Gemeinderats über die Verlegung der Stolpersteine im Jahr 2004 – also vor 17 Jahren – war, erkennt man, wie wichtig der heutige Tag für sie vom Verein 'Pro Stolpersteine Villingen-Schwenningen' und für uns als Stadt Villingen-Schwenningen ist. Dass wir heute in dieser Form an die Opfer nationalsozialistischer Verbrechen erinnern, ist Ihr Verdienst", sprach Bührer seinen Dank aus. "Am Mittwoch kehrte die Erinnerung an die Verstoßenen zurück in unsere Stadt", sagte Engelke beim Empfang. "Wann die Lasten abgetragen sind, das werden uns die Nachkommen der Opfer sagen, wenn es soweit ist", verdeutlichte er die Verantwortung und Verpflichtung unserer Gesellschaft.

Weltweit wurden bereits über 75.000 der mit einer gravierten Messingplatte belegten Pflastersteine verlegt. Am 6. März 2022 sollen 20 Gedenksteine im Schwenninger Stadtbezirk folgen, und damit werden weitere Menschen und deren Geschichten in die Stadt heimgebracht.

 

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