Archäologen untersuchen Kriegsgefangenenlager

Dr. Bertram Jenisch vom LAD zeigt einen historischen Lageplan des Stalag V B.
Dr. Bertram Jenisch vom LAD zeigt einen historischen Lageplan des Stalag V B.

Neben der Unterbringung von Verwaltungsmitarbeitern sollen auf dem 7 ha großen Areal 680 Wohneinheiten für bis zu 1.500 Menschen entstehen. Noch in diesem Herbst rollen die Bagger an und reißen die ersten Gebäude ab. Zuvor möchte die Stadt alle Bürger zu einem Rundgang über das ehemalige Kasernengelände einladen. Der Termin wird noch bekannt gegeben.

Bis 2014 wurde das Areal von französischen Streitkräften genutzt. Zuvor, während des 2. Weltkrieges, befand sich hier das Kriegsgefangenenlager Stalag Vb. "Von 1939 bis 1945 haben etwa 30.000 Gefangene das Lager durchlaufen. Zeitgleich waren bis zu 4.000 Personen hier", weiß Franziska Fiebig, Grabungstechnikerin bei der Firma AAB. Belgier, Franzosen, Engländer, Polen, Jugoslawen, Russen (Sowjetsoldaten) Amerikaner, Italiener waren hier inhaftiert. "Anfragen von Angehörigen aus der ganzen Welt erreichen uns regelmäßig, die mehr über die Geschehnisse erfahren möchten", berichtet Ute Schulze, Leiterin des Amts für Archiv und Schriftgutverwaltung.

Rettungsgrabung in zwei Abschnitten

Von den Holzbaracken ist heute oberirdisch nichts mehr zu sehen. Um herauszufinden, ob sich Reste der Anlage im Untergrund befinden, werden Teile des Geländes in 2 Grabungsabschnitten untersucht. Bei der ersten Rettungsgrabung, die vom 30. Mai bis 15. Juli stattgefunden hat, wurden vier Baracken und ein Latrinengebäude untersucht. Darunter ein Vorlager und auch Arrestbereiche mit Stacheldraht. Der zweite Abschnitt wurde nach dem Abbruch einer Fahrzeughalle am 22. August begonnen und läuft noch bis Ende des Monats.

"Die Baracken sind alle 40 m lang und 8 m breit, innerhalb waren sie nochmals gegliedert und in Räume und Flure aufgeteilt", weiß Dr. Bertram Jenisch, stv. Fachbereichsleiter Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit, Landesamt für Denkmalpflege (LAD), zu berichten. Arbeitslager im ganzen Land wurden so mit vorgefertigten Bauelementen aufgebaut. Man geht davon aus, dass in einem Zimmer bis zu 20 Personen untergebracht waren – unter unmenschlichen Bedingungen. "Das ist ein Ort, wo Kriegsgefangene interniert wurden. Es gab auch keine ausreichende Ernährung, vielleicht eine Wassersuppe mit Gemüsestücken", macht Behnisch deutlich. "Man spürt eine Betroffenheit, wenn man hier ist. Man kann sich nicht freimachen von den Erinnerungen an das, was hier geschehen ist. Dieser Erinnerungsort wird zurecht aufgearbeitet – denn auch er ist Teil der Stadtgeschichte Villingen-Schwenningens", so der Fachbereichsleiter.

Gefangene pflanzten eigenes Gemüse an

Die Gefangenen arbeiteten meist in Firmen oder auf Höfen. Zu erkennen sind auch Sickergruben, eine Küche und WCs. Die Sanitärbereiche gehören zu den wenigen Stellen, die nicht von den Franzosen abgebaut, sondern weitergenutzt wurden. "Dass sich hier diese Küche befindet, war anfangs nicht klar", so Behnisch. "Alte Dokumente belegen, dass es auch kleine Gärten gab, wo Salat, Radieschen, Frühkartoffeln und Tomaten angepflanzt wurden", ergänzt Stadtarchivarin Ute Schulze.

"Die Archäologie hat einen großen Mehrwert, denn erst durch die Ausgrabungen sehen wir, was tatsächlich da ist und wie gut erhalten die Dinge sind", so Dr. Jörg Bofinger, Referatsleiter 84.2 Operative Archäologie im LAD. Das liegt auch daran, dass dir historischen Pläne nicht maßstabsgetreu sind. Die Bereiche sind Kulturdenkmale und die Strukturen und Funde werden digital dokumentiert und auf diesem Wege 'erhalten'. Zum Beispiel die dreifache Umzäunung des Arrestlagers waren in den Plänen nicht erkennbar und konnte nur durch die Grabung entdeckt werden.

Chronologie des Stalag V B (PDF, 41 kB)

Bevor mit den Grabungen begonnen wurde, gab es anhand von historischen Plänen eine geophysikalische Untersuchung. Danach war klar, dass die Archäologen im Untergrund etwas finden würden – was genau und in welchem Zustand war unklar. Durch eine dicke Lehmschicht sind die Fundamente der Baracken und weitere Fundstücke sehr gut erhalten. Der Lehm wirkt konservierend. Gefunden hat man z.B. Absätze von Militärstiefeln, Essgeschirr, Schlachtabfälle, Knöpfe und Zahnbürsten. "Die Absätze der Stiefel können untersucht werden und dabei kann man rausfinden, von welcher Nation sie stammen", zeigt Christoph Kutz von AAB auf. Insgesamt wurde auf dem Oberen Brühl sehr wenig gefunden – im Vergleich zu anderen Lagern. Die Funde werden jetzt von der Firma AAB inventarisiert, dann ans LAD übergeben, wo sie restauriert und konserviert werden.

Im Gesamtareal ist mit Fertigstellung der neuen Bebauung ein Geschichtslehrpfad geplant, der mithilfe visueller Unterstützung auch konkrete Einblicke ermöglichen soll.

Über die Rettungsgrabungen, die Kosten und das weitere Vorgehen werden die gemeinderätlichen Gremien in der aktuellen Sitzungsrunde informiert. Hier geht's zu den Sitzungsunterlagen im Ratsinformationssystem

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