Seid in „dieser statt Villingen“ willkommen! Mit diesen Worten begrüßte einst der Proklamator das Publikum zum ersten Spieltag der Villinger Passion. Das Publikum erwartete ein gewaltiges Schauspiel: Zwei Spieltage, rund 150 Darsteller und fast 7.400 Verse zur Leidensgeschichte Christi: Das Archivale des Monats April erinnert an fast zwei Jahrhunderte Passionsspieltradition in Villingen.
1585 gründete sich in Villingen eine Passionsbruderschaft, deren Mitglieder gelobten, ein Passionsspiel aufzuführen. Was wir über die frühen Villinger Spiele wissen, verdanken wir einer nahezu vollständig erhaltenen Handschrift, die dank des Wasserzeichens der Memminger Papiermühle frühestens auf 1599 zu datieren ist. Da die Bruderschaft bereits bestand, ist anzunehmen, dass bereits vorher Textfassungen existierten, die durch den Gebrauch unleserlich geworden waren. Die sorgfältige Ausführung der Handschrift deutet auf eine Reinschrift hin. Links und rechts ließ der Schreiber aber schon breite Korrekturränder, die später reichlich genutzt wurden und den Wandel des Textes über die Zeit dokumentieren.
Im Unterschied zu vielen zeitgenössischen Passionen konzentriert sich die Villinger Fassung ganz auf das Kerngeschehen der Passion. Vorangestellte Lebensstationen Jesu und volkstümliche oder humoristische Einlagen fehlen. Das Stück gilt für das 16. Jahrhundert als mittellang – gespielt wurde dennoch an zwei Tagen. Sprachlich ist der Text alemannisch geprägt, mit Villinger Mundartnuancen. Das Lokalkolorit zeigt sich auch in Figurennamen aus der Bürgerschaft. Anhand der "Walzer-Karteien" des Stadtarchivs ließen sich einige der Namen eindeutig zuordnen. Die Besetzung ist dicht: Statt stummer Massen gibt es zahlreiche Nebenrollen – insgesamt wurden knapp 150 Darstellende benötigt. Gespielt wurde überwiegend im Garten des Franziskanerklosters, teils auch in der Kirche auf einer Simultanbühne mit gleichzeitig sichtbaren Spielorten, auf der alle Schauspieler permanent anwesend waren und für ihre Szenen in den Vordergrund traten.
Zu Beginn des 18. Jahrhunderts entstand eine grundlegende Neufassung (eine Handschrift ist im Stadtarchiv überliefert). Nun trugen 78 Spielende die Passion an einem Tag vor. Die barocke Bühnentradition prägte die Darstellung: Vorhänge öffneten und schlossen die Spielorte. Aus derselben Zeit haben sich mannshohe Figuren von Johann Sebastian Schilling (1750) erhalten, die lange als Kulissenteile galten; inzwischen ist belegt, dass es sich um Altarverkleidungen handelt, die in der Karwoche im Villinger Münster um den Frühmessealtar standen.
Im Laufe des 18. Jahrhunderts neigte sich die Zeit der Passionsspiele jedoch dem Ende zu. Kriege, nachlassende Unterstützung und Berichte Geistlicher über ungehöriges Verhalten im Publikum während der Aufführungen schwächten die Tradition. Die vorderösterreichische Verwaltung besiegelte schließlich ihr Schicksal: 1770 wurden Passionstragödien per Regierungsbeschluss gänzlich verboten.
