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Bevor Flurkarten ins Smartphone passten, lagen sie als schwere, gebundene Bände auf dem Tisch: die Gemarkungsatlanten.
Das Archivale des Monats des Stadtarchivs Villingen-Schwenningen zeigt anhand von zwei dieser beeindruckenden Werke aus Rietheim und Marbach, wie Raum, Grenzen und Besitz sichtbar und verwaltbar gemacht wurden.
Dabei dokumentieren die Atlanten auch eindrücklich, wie sich die Orte über die Jahrhunderte entwickelt haben.
Schon im Mittelalter halfen einfache Flurkarten, Steuern nach Flächengrößen zu bemessen.
Einen technologischen Sprung brachten das späte 18. und frühe 19. Jahrhundert:
Verbesserte Vermessungstechniken ermöglichten erstmals exakte Aufnahmen.
Das Großherzogtum Baden nutzte diesen Fortschritt konsequent und schrieb mit dem Vermessungsgesetz vom 26. März 1852 eine systematische Katastererfassung für das ganze Land vor.
Auch der Titel des Rietheimer Atlasses im Stadtarchiv verweist ausdrücklich auf dieses Gesetz.
In den Gemarkungsatlanten wurden die Ergebnisse festgehalten.
Der Atlas für Rietheim, der über viele Jahrzehnte in Gebrauch war, dokumentiert die Gemarkung in einer farbig kodierten Übersichtskarte:
Äcker, Wiesen, Wälder, Straßen, Wege und jedes einzelne Gebäude sind verzeichnet.
Detailpläne und eine ausführliche Legende ergänzen das Werk, das erst 1962 durch das neue Liegenschaftskataster ersetzt und damit „außer Dienst gestellt“ wurde.
„Diese Atlanten sind weit mehr als nur alte Karten“, erklärt Markus Teubert, Leiter des Stadtarchivs.
„Sie sind Zeitkapseln. Wenn wir den Atlas von Rietheim neben den jüngeren von Marbach aus dem Jahr 1963 legen, sehen wir den Fortschritt quasi auf dem Papier: In der Zeichenerklärung erscheinen nun auch Wasser- und Stromleitungen; bei den Verkehrswegen werden neben Straßen unter anderem Straßenbahntrassen und Seilbahnen verzeichnet. Neue Gebäudetypen wie die Kläranlage in Marbach erzählen vom Wandel der Gesellschaft und ihrer Bedürfnisse.“
Der Blick in die Atlanten von Rietheim und Marbach macht sichtbar, wie Vermessung und Verwaltung den Raum über Jahrhunderte lang strukturiert haben.
Heute wird mit GPS, Laserscans und Drohnen gemessen;
die Karten liegen digital vor und sind teilweise als Open Data frei zugänglich, zum Beispiel im Geoportal der Stadt Villingen-Schwenningen.
Die historischen Vorläufer im Stadtarchiv zeigen eindrucksvoll den Weg dorthin – eine aufgeschlagene Geschichte, die unsere digitale Gegenwart erklärt.
