Archivale des Monats: Die Veesenreicher aus Schwenningen

Ein altes Schriftstück aus dem Stadtarchiv auf sehr altem Papier.
Der originale Kaufvertrag zwischen der Veesenreicher Genossenschaft und der Gemeinde Schwenningen von 1875.

Was Dinkel und Holz zum Bau von Gebäuden miteinander zu tun haben, darüber gibt das Stadtarchiv mit dem Archivale des Monats einen spannenden Einblick.

Manchmal stoßen wir in historischen Quellen auf zunächst unbekannte Begriffe. In den Schwenninger Beständen findet sich das Wort "Veesenreicher". Es beschreibt Schwenninger Bürger, die durch eine zusätzliche Abgabe von Korn, dem sogenannten "Holtzvesen", einen Anspruch auf Holz aus den württembergischen Wäldern erwarben.

Die abzugebende Menge an "Veesen", einem alten Wort für Dinkel, richtete sich nach der Größe der jeweiligen Häuser. Die meisten Veesenreicher aus Schwenningen hatten einen halben Anteil, da sie ein Gebäude besaßen, bei dem Wohnung, Stall und Scheuer unter einem Dach waren. Jährlich zu Martini musste das Korn an den Herzog abgegeben werden. Dafür erhielten die Schwenninger auf Antrag Bauholz aus den Wäldern Württembergs, das sie für den Neubau oder die Instandsetzung ihrer Häuser dringend benötigten. Wann das Veesenrecht aufkam, lässt sich heute nicht mehr genau nachvollziehen. Sein Ende ist in den Akten des Stadtarchivs jedoch gut dokumentiert.

Während 1772 noch umfangreiche Mengen Holz für den Wiederaufbau von 30 Häusern nach einem großen Brand bewilligt wurden, bekamen die Veesenreicher später immer weniger Holz zugeteilt. Dagegen zogen die Schwenninger schließlich gegen den Herzog vor Gericht. Der Prozess ging über Jahre, doch am Ende bekamen die Veesenreicher recht.

1836 gründete sich die neue Veesenreicher-Gesellschaft, die ein Stück des württembergischen Waldes selbst verwalten durfte, allerdings mit der Auflage, dass der Wald gemeinsam bewirtschaftet werden musste, um den Wald als Ganzes zu erhalten. Doch schon bald zerstritten sich die 141 verbliebenen Veesenreicher untereinander und da eine Teilung des Waldes nicht möglich war, wurde die Gesellschaft aufgelöst und das Waldstück an die Gemeinde Schwenningen verkauft.

Das Archivale des Monats im August ist jener Kaufvertrag zwischen der Veesenreicher-Genossenschaft und der Gemeinde aus dem Jahr 1875. Das gut erhaltene Dokument, welches das Ende einer langen Tradition besiegelt, ist im Stadtarchiv zu begutachten.

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