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Joseph Haberer - Ein Villinger Jude

Joseph Haberer
Joseph Haberer - Portraitfoto

Joseph Haberer wurde am 31. Januar 1929 in Villingen geboren. Seine Eltern, Berthold und Georgine Haberer, waren Juden und lebten zur Miete in einer kleinen Wohnung in der Herdstraße 18. Die jüdische Gemeinde in der Stadt umfasste nur zehn bis 20 Familien. Sein Vater arbeitete in Villingen auf dem Finanzamt, das er 1933 mit einer geringen Pension verlassen musste. »Wir waren arm, aber wir mussten nicht hungern«, berichtet Haberer später über diese Zeit

»Dein ganzes Leben geriet aus den Fugen.«

Die Eltern fühlten sich als Deutsche und in diesem Geist erzogen sie ihren Sohn. Im Laufe der 1930er Jahre mussten sie jedoch erfahren, dass im NS-Deutschland kein Platz mehr für sie war. Am 09. November 1938, am Tag der Novemberpogrome, zeigten alle Schüler mit dem Finger auf den jüdischen Schulkameraden. Die Lebensverhältnisse wurden für Joseph und seine Eltern unerträglich. »Dein ganzes Leben geriet aus den Fugen, wenn Du aus der Schule geworfen wurdest.« Die Eltern erkannten, dass in Deutschland für Juden höchste Gefahr drohte und beschlossen, ihren Sohn nach England zu schicken.

Nach der 'Reichsprogromnacht' erlaubte die britische Regierung jüdischen Flüchtlingskindern die Einreise ohne Eltern, sofern jüdische Organisationen die Reise- und Aufenthaltskosten für sie übernahmen. So fuhr Joseph mit seinem Vater nach Holland und verließ Deutschland Anfang Dezember 1938 im Alter von neuneinhalb Jahren. Wie viele der 10 000 Kinder und Jugendlichen, die mit Kindertransporten Deutschland verließen, sah er seine Eltern zum letzten Mal.

Ermordung der Eltern

Die Eltern blieben in Villingen, bis sie im Oktober 1940 mit mehr als 15 000 Juden aus Baden, Saarland und der Pfalz in das Konzentrationslager Gurs in Vichy-Frankreich deportiert wurden. Dort lebten sie unter katastrophalen hygienischen Bedingungen und bei schlechter Ernährung. Sein Vater starb in diesem Lager und seine Mutter wurde schließlich nach Auschwitz transportiert, wo sie ermordet wurde.

Emigration in die USA

Bis 1946 lebte Joseph in England in einer Herberge für Flüchtlingskinder, als ein Onkel und eine Tante aus Kalifornien ihm ermöglichten, in die Vereinigten Staaten zu emigrieren. Dort begann er seine Universitätskarriere mit einem Doktor in Politologie an der Berkeley-Universität in Kalifornien. Später lehrte er an der Purdue Universität in Indiana, wo er Professor für Politologie und Direktor der Jüdischen Studien war.

Joseph Haberer im Gespräch
Joseph Haberer im Gespräch mit Schülerinnen und Schülern

Besuche in Villingen

Im Jahr 2009 besuchte Haberer seine Heimatstadt zum dritten Mal nach seiner Flucht und sprach dabei zu mehreren Schulklassen. Bei einer öffentlichen Veranstaltung blickte er auf sein Leben in Villingen zurück und sagte: »Was geschah, hat Bedeutung für die Gegenwart: Völkermord ist gegenwärtig«, und wies auf die Situation in Ruanda und Darfur hin.

»Sogar Schüler können helfen, Hass und Vorurteile verschwinden zu lassen«, sagte er, machte den Heranwachsenden aus Villingen-Schwenningen Mut zu einer eigenen Meinung und forderte sie auf, sich aktiv ins gesellschaftliche Geschehen einzumischen. »Wenn Du Vorurteilen begegnest, spreche sie an, sitze nicht herum, sag etwas oder tu etwas!« Den Schülerinnen und Schülern gab er zudem die aufmunternde Aufforderung auf den Weg: »Mache Dich nicht geringer als Du bist. Du kannst mehr tun, als Du denkst.«

 Am 11. Juni 2013 verstarb Joseph Haberer im Alter von 84 Jahren. Die Stadt Villingen-Schwenningen wird ihn in ehrenvoller Erinnerung behalten. »Mit seinem Engagement für Demokratie und Toleranz hat sich Joseph Haberer große Verdienste um seine Heimatstadt erworben. Mit ihm verliert Villingen-Schwenningen eine große Persönlichkeit, dessen Wirken beispielgebend für nachfolgende Generationen ist«, kondolierte Oberbürgermeister Kubon.

Nr. 16/2018 vom 09.10.2018

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