Villingen-Schwenningen

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Bürgerforum

Resümee des Bürgerforums zum Kulturleitbild für Villingen-Schwenningen

Am 20. Mai 2015 kamen über 40 Bürgerinnen und Bürger ins Theater am Ring – diesmal nicht, um einem Schauspiel oder Konzert beizuwohnen, sondern um aktiv an der Erarbeitung eines Kulturleitbildes für Villingen-Schwenningen mitzuwirken. Seit 2014 wird in mehreren Stufen an diesem Kulturkonzept für die Stadt gearbeitet. Die Basis dafür bilden zahlreiche Interviews mit Kulturschaffenden, die vom Projekt-Team Kulturplan im Auftrag des Amtes für Kultur durchgeführt und ausgewertet worden sind. Jetzt waren die Bürgerinnen und Bürger eingeladen, ihre Ansichten und Ideen einzubringen.

Nachdem Oberbürgermeister Dr. Rupert Kubon und der Leiter des Amtes für Kultur, Andreas Dobmeier, die Veranstaltung eröffnet hatten, ging es an mehreren Runden Tischen um die Frage, wie und wohin sich das kulturelle Leben in der Stadt entwickeln soll. Die Gesprächsgruppen repräsentierten die vier Eckpfeiler, die sich nach dem bisherigen Stand der Dinge als Träger des Kulturleitbildes herauskristallisiert haben:

Kulturelle Vielfalt,
Kulturelles Erbe, 
Kulturelle Bildung
und
Kulturelle Identität.

Nach der Methode des World Cafés gab es zwei Gesprächsrunden, bei denen sich die Teilnehmenden jeweils einem anderen Schwerpunkt zuwenden konnten. Alle waren angehalten, ihre Fragen, ihre Gedanken, ihre Meinung, ihre Kritik und ihre Forderungen auf den ausgelegten Papiertischdecken direkt aufzuschreiben.

Zentraler Gedanke eines World Cafés ist, dass die besten Ideen oft nicht im offiziellen Programm einer Tagung oder eines Workshops auftauchen, sondern bei den informellen Begegnungen in den Kaffeepausen. Diese Beobachtung macht man sich mit der Methode zunutze. Es geht also vor allem darum, dass in einer möglichst offenen und anregenden Atmosphäre die Besucherinnen und Besucher miteinander ins Gespräch kommen. Darin spiegelt sich die Kultur des Miteinanders wider – Menschen hören einander zu, tauschen Meinungen aus, finden Gemeinsamkeiten oder arbeiten unterschiedliche Ansichten heraus. Die während der Gespräche auf den Papiertischdecken festgehaltenen Notizen zeigen die thematischen Richtungen an, die eingeschlagen wurden. Sie können jedoch naturgemäß kein 1:1-Abbild der Diskussionen sein.

Im bisher vorliegenden Entwurf des Kulturleitbilds wurden die genannten Eckpfeiler als Träger des Konzepts identifiziert. Dem entsprechend waren die Gesprächsgruppen organisiert. Ebenfalls unter diesen Stichworten wird hier nun zusammengefasst, was auf den Tischdecken notiert und gezeichnet worden ist. Wir versuchen in unserer Interpretation, einen inhaltlichen Bezug zum bisherigen Entwurf des Kulturkonzepts herzustellen.

Kulturelle Vielfalt

Wie bei den durchgeführten Interviews, wurde auch beim Bürgerforum festgestellt: 'In VS gibt es eine große Vielfalt für jeden!'

Allerdings wurden auch einige Aspekte dieses Sachverhalts problematisiert:

• Was ist überhaupt Kultur? 'Fußball ist auch Kultur.'
• Kultur hat auch einen Wert an sich jenseits von Zweckmäßigkeit.
• 'Keine Vielfalt erzwingen, sondern von sich aus entstehen lassen.'
• Immer mehr Vielfalt führt zu kleineren Publikumsgruppen mit Spezialinteressen.
• Innovative Kultur braucht Offenheit – nicht nur Konsum, sondern aktive Gestaltung.

Darüber hinaus wurden einige Anliegen explizit formuliert. Besonders nachdrücklich wurde gefordert, Anliegen von Menschen mit Handicap auch im Kulturbereich zu berücksichtigen. Das richtet sich auf Barrierefreiheit in der Architektur, auf die Zugänglichkeit von Gebäuden, Veranstaltungsräume und Toiletten, auf die Forderung nach Begleitpersonen, nach Angeboten in leichter Sprache, nach Gebärdendolmetschern, Gehörlosenschleifen und anderem mehr. Formuliert wurde auch der Wunsch nach einem inklusiven Kulturangebot, analog zu inklusiven Bildungsangeboten.

Im bisherigen Entwurf des Kulturleitbildes ist zwar vom demographischen Wandel und den aktuellen Veränderungen in einer Stadtgesellschaft die Rede, die Situation von Menschen mit Handicap war bisher jedoch nicht ausdrücklich thematisiert. Sie kann jetzt entsprechend ergänzt werden.

Ein weiterer thematisierter Punkt ist die soziale Benachteiligung. Die Tatsache der zunehmenden sozialen Spaltung in unserer Gesellschaft wird im bisherigen Entwurf des Kulturleitbildes zwar angesprochen, zu ergänzen ist aus dem Bürgerforum, dass es gilt, die Teilhabe von Menschen mit wenig Geld am Kulturleben zu ermöglichen.

Weitere Notizen unterstreichen die entsprechenden Abschnitte im bisherigen Entwurf:

• Weiterentwicklung der Traditionsvereine
• Mehr Angebote für Kinder und Jugend
• Räume nicht nur für Kultur-Konsum, sondern für aktive Gestaltung, Begegnungen, etc.
• Subkultur

Des Weiteren wurden folgende konkrete Vorschläge und Ideen notiert:

• 'Werkstatthaus'
• Nutzung von Industriebrachen
• 'soziales, kulturelles Stadtfest mit Sponsoren für Essen und Trinken'
• 'Kleines Plakat in die Werkstätten und Tagesstätten schicken. Interessengruppen bilden, anfragen und Verteilung der Plakate organisieren'
• Ruftaxi billiger machen

Kulturelles Erbe

Die Besucher des Bürgerforums messen dem kulturellen Erbe, ganz ähnlich wie die Interviewpartnerinnen und -partner, einen hohen Stellenwert zu und betonen die Notwendigkeit, sachgerecht und verantwortungsvoll damit umzugehen. Sie stärken damit den Ansatz, wie er bisher im Entwurf des Kulturleitbilds beschrieben ist. Bezweifelt wurde indessen, ob dies von den Entscheidungsträgern ausreichend erkannt und zutreffend bewertet wird. Zugleich wurden in Bezug auf den Umgang mit dem kulturellen Erbe auch einige grundsätzliche Fragen gestellt:

• Was ist überhaupt kulturelles Erbe?
• Die heutige Bedeutung von kulturellem Erbe – 'Auch wir schreiben Geschichte.'
• 'Wie lange muss etwas tot sein, dass es kulturelles Erbe wird?'
• Wer bestimmt, was kulturelles Erbe wird?
• Nutzt die Beschäftigung mit kulturellem Erbe überhaupt, wenn es richtig ist, dass die Menschen aus der Geschichte so wenig lernen?
• 'Wie verträgt sich die Pflege des kulturellen Erbes mit einer Kultur der Offenheit?'

Kulturelle Bildung

Unter dem Eckpfeiler Kulturelle Bildung wird im Entwurf des Kulturleitbilds ausgeführt, dass diese quasi das Fundament des Kulturkonzepts darstellt. Sie wird als Beitrag zur Herausbildung einer umfassend entwickelten Persönlichkeit gesehen, die es den Menschen ermöglicht, zur zukünftigen Entwicklung einer demokratischen Gesellschaft beizutragen. In diesem Sinne, geht Kulturelle Bildung über die Vermittlung von Fähigkeiten und Kenntnissen an ein potentielles Publikum hinaus. In eine ähnliche Richtung weisen die im Bürgerforum zu diesem Aspekt aufgeworfenen Fragen:

• 'Hat kulturelle Bildung nur die Aufgabe für Publikum zu sorgen?'
• Oder ist Kulturelle Bildung Selbstzweck?
• Wer ist eigentlich für die kulturelle Bildung zuständig? Ist das Aufgabe der Erziehung oder Aufgabe staatlicher Institutionen?
• Lebenslanges Lernen, auch in der Kulturellen Bildung
• Bildung soll auch Spaß machen

Einen etwas anderen Schwerpunkt thematisiert folgende Frage: 'Wie erklären wir Menschen aus anderen Kulturen unsere Kultur? Können sie etwas damit anfangen?'. Er verweist im Grunde auf den folgenden Eckpfeiler der Kulturellen Identität', obwohl in den dortigen Gesprächsrunden eher ein anderer Fokus dominierte.

Kulturelle Identität

Der Entwurf des Kulturleitbilds postuliert unter dem Stichwort Kulturelle Identität, dass 'alle Bewohnerinnen und Bewohner von Villingen-Schwenningen (...) die Möglichkeit haben (sollen), sich gleichberechtigt kulturell zu entfalten. Auf dieses Ziel einer chancengleichen Teilhabe hin soll das kulturelle Erbe befragt und ein entsprechendes kulturelles Angebot aufgefächert werden.' (Kurzfassung S.14) Als ein zentraler Aspekt wird dabei der zukünftige Umgang mit den unterschiedlichen Prägungen und Mentalitäten der beiden Stadtbezirke Villingen und Schwenningen sowie der eingemeindeten Ortschaften hervorgehoben.

Zu diesem Themenfeld formulierten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Bürgerforums ebenfalls einige grundsätzliche Fragen und Statements:

• So wurde die Frage gestellt, wie sich ein städtisches Leitbild zu einem kulturellen Leitbild verhält. Hängen sie zusammen?
• Es wurde die Ansicht geäußert, dass die zwanghafte Suche nach einer gemeinsamen Identität der Doppelstadt vielfach in die Irre führt. Stattdessen sollten die jeweiligen Eigenheiten gestärkt und dezentral gedacht werden.
• Es sollte viel mehr als bisher auf Verbindendes und auf Brückenbau geachtet werden, nicht immer auf das, was trennt.
• In diesem Zusammenhang wurde darauf hingewiesen, dass die Praxis der Presse, sich Zuständigkeiten entlang der ehemals badischen und württembergischen Regionen aufgeteilt zu haben, einer Verbindung der Stadtteile nicht förderlich ist. Dadurch stehen Informationen nicht für alle Bürger der Stadt gleichermaßen zur Verfügung und es wird ein einseitiges Bild gezeichnet.

Zusammenfassend kann man aus unserer Sicht sagen, dass die Beiträge des Bürgerforums viele wichtige Aspekte benannt haben, die auch von den befragten Kulturschaffenden angesprochen worden sind und deshalb bereits im Entwurf des Kulturleitbildes enthalten sind. Das unterstreicht ihre Relevanz. Auffällig ist aber, dass bei vielen dieser Themen keine fest stehenden Positionen präsentiert, sondern ganz grundsätzliche Fragen gestellt werden. Sie zeigen nach unserer Ansicht auf, dass weiterhin Bedarf und Bereitschaft besteht, diese Punkte genauer zu reflektieren. Hier kann bei der Fortführung des kulturellen Planungsprozesses angeknüpft werden.

Projekt-Team Kulturplan (Claudia Brenneisen, Michael Heinsohn, Karin Hanika)
Stuttgart, 10. Juni 2015

 

Entwurf Kulturleitbild Kurzfassung (pdf, 220 kb)

Entwurf Kulturleitbild Langfassung (pdf, 360 kb)

Impressionen

 

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Tel 07721 / 82-2314
Fax 07721 / 82-2317
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