Villingen-Schwenningen

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Die Kunst des Giorgio Morandi in der Neckarstadt

18.05.2018


Fiori (Natura morta), 1942, Öl auf Leinwand 30 x 36,6 cm, recto unten links signiert: Morandi, Sammlung Lambrecht-Schadeberg, Museum für Gegenwartskunst Siegen, Inv. Nr. II, 10, Cat. Rais. Vitali I 1994, No. 358

Das Projekt

Ausstellungen zur Klassischen Moderne haben, neben der Präsentation jungen Kunstschaffens, in Schwenningen am Neckar Tradition. Nach thematischen Werk-Vorstellungen in den letzten Jahren von Joseph Beuys, Otto Dix, Lucio Fontana oder Gustav Klimt ist im 'Lovis-Kabinett' der Städtischen Galerie Villingen-Schwenningen eine weitere Ausstellung zu einem Großen der Kunstgeschichte zu sehen: Vom 20. Mai bis 15. Juli 2018 sind unter dem Titel 'Giorgio Morandi – Licht und Farbe' Werke des italienischen Künstlers zu Gast. Zu sehen sind 15 Grafiken, 22 Zeichnungen, fünf Aquarelle und 20 Ölbilder, die Giorgio Morandi zwischen 1923 und 1964 geschaffen hatte.

»Mit der Ausstellung 'Giorgio Morandi – Licht und Farbe' kann das Gesamtwerk des Künstlers kennengelernt werden«, sagt Galerieleiter Wendelin Renn. »Die Präsentation dieser Meisterwerke aus den privaten Sammlungen von Ingrid und Werner Welle aus Paderborn und dem Morat-Institut für Kunst und Kunstwissenschaft in Freiburg, sowie von der Staatlichen Graphischen Sammlung München, vom Museum für Gegenwartskunst Siegen und vom Museum Winterthur ist die größte Morandi-Ausstellung, die in den letzten 25 Jahren in Deutschland präsentiert wurde.«

Der Künstler

Giorgio Morandi wurde am 20. Juli 1890 in Bologna geboren und studierte an der Accademia di belle arti in seiner Heimatstadt. Von 1914 bis 1930 arbeitete er mit Unterbrechungen als Zeichenlehrer an Volkshochschulen in Bologna. 1930 wurde er als Professor auf den Lehrstuhl für Radierung an der Accademia di belle arti in Bologna berufen. 1941 erhielt er seinen ersten Kunstpreis anläßlich der Ausstellung 'I Mostra delle collezioni italiane d‘arte contemporanea' in Cortina d‘Ampezzo und wurde 1948 Mitglied der Akademie San Luca in Rom. In diesem Jahr wurde er mit dem Hauptpreis der Stadt für Malerei bei der 24. Biennale Venedig ausgezeichnet. 1953 erhielt er den Großen Preis für Radierung und 1957 den Preis für Malerei bei den Biennalen in São Paulo. 1962 ehrte ihn die Stadt Siegen mit dem Rubenspreis. Er starb am 18. Juni 1964 in seiner Heimatstadt.

Warum Morandi?

Im Ausstellungsprogramm der Städtischen Galerie wurden in den vergangenen Jahren immer wieder Fragen zum 'Sichtbaren' in der Kunst thematisiert. Was 'sehen' die Besucher in einer Ausstellung? Wie ist ihre Wahrnehmung von dem, was Künstler mit bildnerischen Mitteln vorgeben? Ist das, was wir vermeintlich sehen auch 'real' vorhanden? In den Werken von Bridget Riley – im 'Lovis-Kabinett' der Städtischen Galerie Villingen-Schwenningen wurde 2013 das gesamte grafische Schaffen der Künstlerin gezeigt – oder in den Arbeiten des Münchner Malers Florian Haller in 2016 und in vielen anderen ausgestellten Positionen im aktuellen Kunstdiskurs konnten die Besucher überraschende Entdeckungen in diesem ureigenen Themenfeld in der Beschäftigung mit Kunst visuell erleben. So waren zum Beispiel in den Bildern der englischen Künstlerin Farben zu 'sehen', die nicht auf den Bildträgern fixiert sind, sondern als optische Effekte erst im Auge, genauer, im Sehzentrum im Gehirn der Betrachter entstanden. Und Florian Haller 'endgrenzte' seine farbkräftig-leuchtenden Bilder mittels transparenter oder spiegelnder Malgründe, die Fragen zu Bildmittel und Bildträger in der Malerei neu definieren.

Die Kunst des Meisters

Auch Giorgio Morandi beschäftigte sich in seinem bildnerischen Denken zeitlebens mit diesen Fragestellungen zum Sehen, Wahrnehmen und Erkennen, dem Kern jeder Auseinandersetzung mit bildender Kunst. Seine Kunstwerke zeigen einzig, jedoch hoch komplex, den Erlebnisraum von 'Licht' und 'Farbe'. Bei (fast) immer derselben Wahl in den Motiven – Landschaftsformate nahm er mit dem Blick aus seinem Arbeitszimmer im elterlichen Haus in der Via Fondazza in Bologna auf und fand sie in seiner Sommerresidenz in Grizzana – wie in den Arrangements seiner Stillleben, immer ist das Licht als immaterielle Erscheinung, die Wirkung von Farbe und die Raumbesetzungen der ausgewählten Objekte zentraler Bildinhalt seiner malerischen Untersuchungen. Dass dabei die Komposition in den Stillleben durch die Veränderung der Licht- und Schattenwirkung der Gegenstände zentrale Bedeutung für den Maler hat, zeigt sich in den penibel ausgeloteten Arrangements der Flaschen, Gefäße, Büchsen, Vasen oder Kannen auf seinem Atelier-Tisch. In stunden- und tagelangen 'Versuchsanordnungen' hielt er die Varianten penibel mit dem Bleistift auf papierenem Grund fest und jede noch so kleine Veränderung wurde dokumentiert, damit eine frühere 'Aufstellung' der Gegenstände 'zurückgesetzt' werden konnte.

Die Malerei des großen Künstlers aus Bologna »lebt vom Licht, ja, besteht überhaupt nur aus Licht und dessen Abwesenheit. Dies, obwohl oder weil er es in Lichtlosigkeit herstellte: im vermittelt durch ein Fenster über den dämmerigen Hinterhof seines Wohnhauses knapp erhellten Wohnzimmer, das ihm zugleich als Atelier diente«, schreibt der Kunsthistoriker Johann-Karl Schmidt in seinem Katalogbeitrag 'Giorgio Morandi – Der Tod des Lichts'. »Offenbar«, so Schmidt weiter, »war sein Tageslichtbedarf gering. Der malende Maler sowenig wie das entstehende Bild haben die belebende Sonne, haben einen hohen Himmel nie gesehen. In diesem Widerspruch liegt die Lösung von Morandis Kunst. Er selbst verzichtete auf die lebendige Anschauung der Welt.«

Der Musiker, Philosoph, Physiker und Theologe Hans-Dieter Mutschler – er ist Inhaber des Lehrstuhls für Naturphilosophie an der philosophisch-pädagogischen Hochschule Ignatianum im polnischen Krakau und Lehrbeauftragter an der Schweizer Universität Zürich – beschäftigt sich in seinem Beitrag 'Giorgio Morandi – Die Verklärung des Gewöhnlichen' mit der Wertigkeit der 'einfachen' Gegenstände in den Stillleben Morandis. Mutschler betont dabei »jene 'Verklärung des Gewöhnlichen' von der der Philosoph Arthur Danto gesprochen hat und die auf leisen Sohlen und damit umso eindrücklicher einherkommt. Weil sie nichts sagen wollen, sagen diese Bilder umso mehr. Weil sie zu nichts dienen, sind sie uns wertvoll. Weil sie so beiläufig scheinen, wird uns ihre Aussage zentral.«

Giorgio Morandi hatte sich dem quirligen Kunstbetrieb seiner Zeit nicht gestellt. Umsorgt von seinen Schwestern lebte er zurückgezogen im Haus der Familie in Bologna und nur wenige Male hatte er seine Heimatstadt verlassen. So besuchte er die Biennale von Venedig, studierte in Florenz in Kirchen und in den Uffizien Meisterwerke von Giotto di Bondone, Tommaso di Ser Giovanni di Mone Cassai, genannt Masaccio und Paolo Uccello sowie in Arezzo die Fresken von Piero della Francesca. Zunächst nur über Schwarzweiß-Reproduktionen in Kunstzeitschriften lernte er die Werke von Paul Cézanne und Henri Rousseau kennen. Erst mit 30 Jahren sah Morandi die originalen Werke von Cézanne mit ihrer neuen Definition in der Verwendung von Farbe als Ausdrucksmittel, seinen neuen Bild-Perspektiven und den Cézanne'schen Gestaltungsakzenten seiner Ding-Malerei. Über die Beziehung zu diesen Künstlern wie über ihre Bedeutung in seiner persönlichen Erfahrung der kunstgeschichtlichen Positionen dieser Maler formulierte Morandi mit großem Respekt: »Die einzigen Maler, die mich seit 1910 immer interessiert haben, sind bestimmte Meister der italienischen Renaissance, Giotto, Paolo Uccello, Masaccio und Piero della Francesca, und dann natürlich Cézanne und die frühen Kubisten. Ich glaube..., daß Giotto, Masaccio, Paolo Uccello, Piero della Francesca ... jedem modernen Maler noch sehr viel beibringen können.« 1956 reiste Morandi nach Winterthur – seine erste und einzige Auslandsreise. Er nahm an der Eröffnung der Ausstellung im Kunstverein Winterthur teil, wo seine Arbeiten und Werke seines Künstlerkollegen Giacomo Manzù gezeigt wurden.

Die Uraufführung

Zu (fast) allen Ausstellungen der Klassischen Moderne hat die Städtische Galerie eine Komposition bei zeitgenössischen Musik-Künstlern in Auftrag gegeben. Zur Morandi-Vernissage im 'Lovis-Kabinett' am 19. Mai 2018, um 17 Uhr, wird die Ton-Dichtung mit dem Titel 'Phaethon. Asteroid', die Sarah Nemtsov, geboren 1980 in Oldenburg, für vier E-Gitarren, E-Bass und Objekte komponiert hat, uraufgeführt. Unter der Leitung von Prof. Dr. Barbara Lüneburg werden junge Musiker des Ensembles 'Open Source Guitars' der Staatlichen Hochschule für Musik Trossingen Klangcollagen, außergewöhnliche Ton-Räume und überraschende Hör-Erfahrungen im multi-medialen 'Himmel der neuen Töne' aufführen. Aufführende sind die Musiker Florin Emhardt, Martin Köhler, Robert Menczel, Mike Pociecha und Boris Slavov.

Die Reden

Zur Eröffnung begrüßt Oberbürgermeister Dr. Rupert Kubon die Gäste. Franz Armin Morat vom Morat-Institut für Kunst und Kunstwissenschaft in Freiburg und Galerieleiter Wendelin Renn sprechen über das Besondere in der Kunst von Giorgio Morandi.

Nr. 10/2018 vom 12.06.2018

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